
Vier Studios, vier Viertel, vier ganz unterschiedliche Arten, Yoga, Bewegung und London zu erleben.
London ist riesig, laut, schnell – und genau das macht die Yoga- und Movement-Szene hier so besonders. Was die Stadt von anderen unterscheidet: Es gibt kein dominierendes „Urban Sports“-Phänomen. Klingt erstmal nach Nachteil, ist aber ein Vorteil. Denn dadurch bauen viele kleine und mittelgroße Studios ihre Communities wirklich eigenständig auf – finanziell wie menschlich. Die Loyalität entsteht nicht über günstige Plattformtickets, sondern über echte Verbindung. Man bucht hier keine Class. Man wird Teil eines Ortes.
Yoga in London heißt längst mehr als Vinyasa, Yin und Rocket. Jivamukti und Chanting verschmelzen mit Club Culture, Mandala Flows treffen auf Strength-Training und Neurowissenschaft, dazu Sound und Meditation – und noch einiges mehr. Die Grenzen zwischen Yoga, Movement, Wellness und Kultur verschwimmen zunehmend, und jedes Studio findet darin seinen eigenen Ausdruck. Grund genug, den nächsten London-Trip mal nicht um Sehenswürdigkeiten, sondern um Bewegungskultur herum zu planen.
Wir haben vier Yogastudios ausgesucht, die unterschiedlicher kaum sein könnten – vier Orte in vier Ecken der Stadt, vier Einladungen, London über seine Bewegungskultur statt über seine Postkartenmotive kennenzulernen. Natürlich nur ein kleiner Ausschnitt einer riesigen Szene. Aber ein guter Anfang.
01 · Love Supreme Projects — Notting Hill, West London
Jivamukti · Chanting · High-End · Notting Hill
Wir starten im Westen, fast um die Ecke der berühmten blauen Tür aus dem Film „Notting Hill“. Love Supreme Projects liegt in einem ehemaligen Kapellengebäude, dessen hohe, schmale Fenster den Practice Room in ein fast meditatives Licht tauchen. Man spürt beim Betreten sofort: Hier ist nichts dem Zufall überlassen.
Der Raum trägt Geschichte. Vor über sechzig Jahren befand sich hinter den großen Holztüren der Golborne Road 92 das „Peak House“ – eine Übergangseinrichtung für Männer nach der Haftentlassung. Oben wurde gebetet, unten gab es heißen Tee. Ähnlich wie heute: Oben gemeinsam praktiziert, unten gibt es kostenlos Tee und Cookies.

„Crack your heart open“ ist das Branding des Studios, und es zieht sich konsequent durch jeden Winkel: vom Eingangsbereich über die Materialien bis zu den Spiegeln in den Toiletten, auf denen euch Hörbücher begleiten. Kurios und gut.
Im Zentrum steht Jivamukti Yoga: eine Praxis, die Asana, Philosophie, Musik, Meditation und Chanting zusammenbringt. Das gemeinsame Chanten fühlt sich anfangs vielleicht ungewohnt an – wird dann lauter – und irgendwann verschwindet das Gefühl, dass hier Einzelne singen. Es wird zu einer gemeinsamen Erfahrung.
Auch abseits der Matte lohnt sich der Besuch: Die Golborne Road liegt mitten in einer Gegend voller kleiner Shops, unabhängiger Cafés und Flohmärkte. Macht ruhig einen ganzen Tag daraus – Portobello Road Market, Kaffee, Matte, Spaziergang durch West London.
Website & Buchung: Love Supreme Projects
Adresse: 92 Golborne Road, London W10 5PS
02 · The Rogue Room — Shoreditch, East London
Strength · Club Culture · Neurowissenschaft · Shoreditch

Gegründet wurde The Rogue Room von Rosie Hall, deren Karriere sie durch Medien und Mode führte – Dazed Media, British Vogue, Men's Health. Yoga war für sie damals der Gegenpol, der ihre Welt wieder in Balance brachte: dasselbe gute Körper- und Kopfgefühl, das sie schon vom Dancefloor kannte. Was passiert also, wenn Yoga auf Club Culture trifft? Die Antwort ist überraschend stimmig.
The Rogue Room wirkt wie ein Ort zwischen Club, Studio und Sanctuary – ein Movement Studio, das Yoga, Strength, Musik, Community und Neurowissenschaft zusammenbringt. Kurz nach der Eröffnung, mitten im Lockdown, veranstaltete Rosie 12-stündige Yoga-Sessions im legendären Club Fabric – auf denselben Böden, unter denselben Lichtern, auf denen sonst die größten DJs gespielt haben. Diese DNA steckt bis heute im Studio.
Die Classes setzen bewusst auf Strength und Mobility, ohne die yogischen Wurzeln zu verlieren wie bei Rogue Flow: Mehrdimensionale Bewegungen treffen auf myofasziale Arbeit. Das Studio arbeitet dabei auch mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen – unter anderem mit Prof. Russell Foster von der University of Oxford – rund um die Frage, wie Licht, Musik und Bewegung unseren Zustand verändern können. Deshalb variiert auch die Farbe der Beleuchtung von Raum zu Raum.
Und dann ist da Shoreditch selbst: kreativ, ein bisschen rebellisch, urban, immer in Bewegung. Nach der Class: Kaffee um die Ecke bei Jolene, dann Brick Lane für Musik, Vintage und Street Art.
Website & Buchung: The Rogue Room
Adresse: 4 Chance Street, London E1 6JT
03 · Hwyl Studio — Anerley, South East London
Mandala Vinyasa · Pilates · Online-Bibliothek · Crystal Palace
Jetzt geht es bewusst raus aus dem klassischen London-Bild. Nach Anerley kommt man über Crystal Palace, und oben auf dem Hügel wirkt die Stadt plötzlich weiter, grüner, ruhiger. Es ist London – und fühlt sich trotzdem an wie ein ganz anderer Ort.

Hwyl Studio wurde von Lydia Buckler gegründet, die seit über zehn Jahren in South East London unterrichtet und von Anfang an Wert auf einen zugänglichen, inklusiven Raum für unterschiedlichste Körper und Menschen gelegt hat. Von außen Warehouse-Atmosphäre, von innen liebevolle, organische Details: Beton, Stoffe, warmes Licht. Nichts wirkt überdesignt – und trotzdem ist jedes Detail durchdacht.
Unser persönliches Highlight: eine Mandala-Vinyasa-Class bei Lydia – eine komplexe, dreidimensionale Praxis, bei der rund um die eigene Matte gearbeitet wird, nicht nur nach vorne. Körperlich fordernd, kreativ, mit viel Raum für die eigene Erfahrung. Dazu gibt es klassisches Vinyasa, Yin, Pilates, Mat Barre, Retreats und Workshops, die oft in Kombination mit Handwerk angeboten werden: erst zwei Stunden Yoga Flow, dann gemeinsam Keramik töpfern oder Schmuck gestalten.
Ein besonderes Extra: Mit „Hwyl from Home“ bietet Lydia eine umfangreiche Online-Bibliothek für alle, die nicht regelmäßig nach South East London kommen können – die Chance, auch von zuhause aus dranzubleiben.
Website & Buchung: Hwyl Studio
Adresse: Unit 114, 183A Anerley Road, London SE20 8EF
04 · Yogarise — Peckham, South London
Rocket · 4-Beat · Yin · Rooftop Yoga · Peckham
Letzter Stopp: Peckham – kreativ, jung, ein bisschen rough around the edges, und ständig im Wandel. Mitten im ikonischen Bussey Building im Copeland Park liegt Yogarise. Copeland Park selbst muss man erlebt haben: Food, Drinks, Gallery, Shops, Skate Park, Listening Bar, Rooftop-Kino.

Yogarise fühlt sich angenehm unprätentiös an. Das familiengeführte Studio hat sich seit seiner Gründung 2014 zu einer echten Londoner Community entwickelt – kein Wellness-Kapitalismus-Vibe, sondern einfach richtig gutes Yoga mit richtig guten Lehrer*innen.
Besonders schätzen wir die Bandbreite: von ruhigem Yin über Vinyasa bis zu Rocket und 4-Beat, von Meditation bis Reformer Pilates – hier kann eigentlich nichts schiefgehen. Dazu kommen Workshops, Teacher Trainings, Retreats, Community Yoga und Live-Online-Classes. Und im Sommer: Yoga auf dem Dach des Bussey Buildings, mit Blick über die Londoner Skyline – aus einer normalen Class wird plötzlich ein echtes Stadterlebnis.
Danach: Rye Lane, Cafés, kleine Shops, Kunst – oder ein Abstecher zur South London Gallery, die 15 Minuten zu Fuß entfernt liegt.
Website & Buchung: Yogarise Peckham
Adresse: Bussey Building, 133 Copeland Road, London SE15 3SN
Von der ehemaligen Kapelle in Notting Hill über die Club-Energie in Shoreditch und die Community-Atmosphäre in Anerley bis zum Warehouse im Bussey Building in Peckham: Yoga sieht zum Glück nicht immer gleich aus. Traditionell und spirituell, kraftvoll und schweißtreibend, musikalisch und urban, ruhig und verbindend – es kann uns nach innen bringen oder mit einer neuen Community verbinden.
Vielleicht ist genau das die schönste Art, eine Stadt kennenzulernen: über die Orte, an denen Menschen zusammenkommen, sich bewegen und Zeit miteinander verbringen – wie zuhause auch.